Aus dem Leben einer Recruiterin: #5

13.06.2019|Jasmin sagt...|

…das Siezen ist die Krawatte der Kommunikation

Duzen oder Siezen im Job? Heute widme ich mich einem Thema, über das viel Uneinigkeit herrscht. Oder sollte ich sagen Uneinheitlichkeit? Muss die Ansprache in Stellenanzeigen und auf der Karriereseite die gleiche sein?  Die einen sagen so die anderen so. Ist das Du das neue Sie oder ist es eine an den Haaren herbei gezogene „Verkumpelung“ der Unternehmenskultur, die unangebracht und unauthentisch wirkt?

Muss ein Unternehmen überall einheitlich kommunizieren? Ich sage: Jein.

Unlängst wurden große Konzerne wie die Deutsche Bahn kritisiert, weil sie ihre Bewerber in Kampagnen mit Du ihre Kunden dagegen mit Sie ansprach. In wenigen Klicks vom Du zum Sie, ist das ein Problem? Muss ein Unternehmen überall einheitlich kommunizieren? Ich sage: Jein. Natürlich sollte es das Optimum und Teil der Firmenidentität sein, möglichst einheitlich zu bleiben. In der Praxis jedoch ist das nicht immer so einfach. Hier muss ich abwägen: Wer ist die Zielgruppe und an wen richten sich die Stellenanzeigen? Handelt es sich hier um Berufseinsteiger oder Führungskräfte?

„Das Recruiting bildet eine Schnittstelle zwischen interner und externer Kommunikation ab.“

Außerdem gibt es natürlich Unterschiede im Wording zwischen externer oder interner Kommunikation. Im Recruiting muss ich beides handhaben können, denn es bildet eine Schnittstelle dazwischen ab. Das Aushängeschild eines Unternehmens ist zunächst der Webauftritt. Dieser wirkt auf den potenziellen Kunden. Das passiert durch das Design, die Bildsprache und natürlich durchs Wording. Alle drei Kommunikationskanäle sollten harmonieren und aufeinander abgestimmt sein. Zu einem super fancy Bild passt natürlich kein förmliches und überkorrektes Wording wie: „Hier sind Sie richtig“ oder umgekehrt.

Kommunikation am Arbeitsplatz

Der Webauftritt der index Gruppe richtet sich zum Beispiel in erster Linie an andere Unternehmen, wie Personaldienstleister, Verlage oder Jobbörsen. Es handelt sich um eine Business to Business Kommunikation (B2B). Hierbei bietet es sich an, eher die förmliche Sie-Form zu benutzen. Auf der Karriereseite sowie in Stellenanzeigen kommuniziere ich jedoch mit potenziellen Mitarbeitern, denen ich eventuell zukünftig Tag für Tag an der Kaffeemaschine begegne. Es findet also ein persönlicher Kontakt statt und schon sind wir bei der internen Kommunikation angekommen.

Social Media: Auch innerhalb der Social-Media-Kanäle gibt es wieder Unterschiede: Xing und LinkedIn sind eher Business-Kanäle, Instagram gilt als jung und modern, sodass eine Ansprache in den Captions mit Sie eher fehl am Platz wirken würde. Da haben die Engländer es schon leichter mit Ihrem ständigen you, auch da ist die Förmlichkeit abhandengekommen, niemand schreibt mehr am Ende einer Bewerbung: yours sincerely… Es sei denn es würde sich um die Royals persönlich handeln, aber ich schweife ab. Übrigens bin ich der Ansicht, dass die fortschreitende Globalisierung auch ihren Teil dazu beigetragen hat, dass sich die Regeln der Kommunikation gelockert haben.

„Wenn Jemand sich mit dem Du nicht wohl fühlt, würde diese Person wahrscheinlich auch nicht zu uns passen.“

Es geht auch um die gelebte Firmenkultur

Doch was sagen eigentlich die Angesprochenen selbst dazu? Kann man denn als Bewerber gar nicht selbst entscheiden, wie man angesprochen werden möchte? Natürlich hat auch das Gegenüber hier ein Wörtchen mitzureden. Im Recruiting-Prozess handhabe ich das so: Stellenanzeigen werden zielgruppengerecht formuliert: wenn es sich um eine Führungsposition oder Positionen auf „Senior“-Level handelt, tendiere ich eher zum Sie, bei Berufseinsteigern eher zum Du. Wenn der Bewerber daraufhin seine Bewerbungsunterlagen schickt, ist das Anschreiben in den allermeisten Fällen per Sie verfasst, was auch noch immer den Standards entspricht. Bewerber, die das Unternehmen noch nicht so gut kennen, wollen lieber auf Nummer sicher gehen und das ist auch ok.

Denn Laut Knigge ist die Anrede in Sie-Form sogar die Regel, die da lautet: „Jede volljährige Person hat nach allgemeiner Auffassung ein Recht darauf, mit Sie angesprochen zu werden“

Dresscode am Arbeitsplatz

Auf das Anschreiben antworte ich ebenfalls per Sie, um den Wunsch des Bewerbers zu respektieren. Sollte es zu einem ersten Telefonat kommen, spreche ich die Thematik offen an und frage ob das Du ok ist, da es einfach der Unternehmenskultur bei index entspricht. Bei vielen kommt dann die Zusage zum Gespräch trotzdem noch in der distanzierten Form. Diese Hemmschwelle versuche ich dann spätestens im persönlichen Gespräch abzubauen. Natürlich frage ich die BewerberInnen dann, womit sie sich am wohlsten fühlen. Aber ich muss ganz ehrlich sein: Wenn jemand sagt, er/sie möchte nicht mit Du angesprochen werden, frage ich mich, ob die Person überhaupt zu unserem Unternehmen passt. Hier kommt wieder das vielbesungene Cultural Fit ins Spiel. Spätestens am ersten Tag sind bei index gleich: auf Augenhöhe und per Du. da gibt es keine Ausnahmen.

Die Krawatte der Kommunikation: Authentisch ist, was passt

Nochmal zurück zu den Kampagnen: Abgesehen von einem gewissen Konkurrenzdruck, der mich (besonders hier im fancy Berlin) seitens der lockeren Start-up-Kultur umweht, sollte ein Unternehmen natürlich seine Ansprache zielgruppengerecht anpassen. Doch Obacht: immer authentisch bleiben! Will man die Young Professionals erreichen, ist es natürlich super, wenn man sie in „ihrer Sprache“ anspricht. Trotzdem wird das einer Firma nicht viel bringen, wenn sich die gelebte Firmenkultur für die jungen Talente dann in der Praxis steif wie ein Bügelbrett anfühlt.

Tipp: Bei Verunsicherung hilft es, sich zunächst mal am Dresscode zu orientieren. In einem Unternehmen, wo im Aufzug nochmal die Krawatte fester geschnürt wird, kann es sein, dass hier ein Sie als Anrede einfach angebrachter ist. Besonders beim Umgang mit Vorgesetzten.

Wenn also eine Bank, Kanzlei oder ein großer Konzern, in dem die Mitarbeiter sich seit Jahren siezen und klare Hierarchien vorherrschen, mit der jugendlichen Zielgruppe „herumkumpeln“ will, obwohl im Unternehmens-Alltag andere Regeln herrschen, gewinnt man damit langfristig nichts und erntet stattdessen Irritation und Unzufriedenheit seitens des Mitarbeiters. Authentisch ist, was gelebt wird. Alles andere wirkt gewollt und nicht gekonnt.

Start-up Culture

Gilt immer: Wertschätzung und Professionalität

Eine aktuelle Studie ergab übrigens, dass viele BewerberInnen das Du eher mit vielseitigen Aufgaben innerhalb eines Jobs verbinden, die Höflichkeitsform jedoch mit eher anspruchsvollen Aufgaben. Klar ist aber, ein Du hat nichts mit Degradierung und ein Sie nichts mit „Jemanden auf einen Podest stellen“ zu tun. Auf Führungsebene ergibt sich ein natürliches Sie eher aus Respekt für die jahrelange Erfahrung des Gegenübers.

Was noch zu sagen ist: Ein freundliches Du im Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten rechtfertigt keine jugendsprachlichen Stilsünden. Sätze wie „Ey Bro, schick mal PDF“ oder „Jo Clemens, ich hab’s verrafft dir die Präsi zu schicken“ sind in keiner Firmenkultur erwünscht und lassen Mitarbeiter schnell unprofessionell wirken. Ein professioneller Umgang gegenüber Kunden und Kollegen ist sowohl per Du als auch per Sie angebracht!

Soviel von mir, yours sincerely

Jasmin

 

 

 

 

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