Keine Ruhe im Ruhestand

Die unterschätzte Zielgruppe für den Arbeitsmarkt

Keine Ruhe im Ruhestand

2015 spielte Robert De Niro in „Man lernt nie aus“ (im Original: „The Intern“) einen 70-Jährigen, den sein neu gewonnener Ruhestand nicht so erfüllt wie gehofft. Nachdem auch die verschiedensten Hobbies wie Yoga oder Kochkurse ihn nicht wirklich glücklich machen, steigt er in dem modernen Fashion-Unternehmen einer jungen Frau als Praktikant ein.

Was in der Komödie so lustig daherkommt, ist gar nicht so weit hergeholt: Viele trifft das abrupte Ende jahrzehntelanger Erwerbstätigkeit härter als erwartet. Die lang ersehnte Rente kann auch fehlende Beschäftigung und Langeweile, sogar Einsamkeit und finanzielle Sorgen bedeuten.

Was auch Realität ist: Auf dem Arbeitsmarkt wird die Generation 60+ kaum als Zielgruppe gehandelt. Dabei bietet sie großes Potenzial für personalsuchende Unternehmen. Nach Daten des Statistischen Bundesamtes ist rund jede fünfte Person in Deutschland 65 Jahre oder älter. Für Unternehmen stellen sie erfahrene, qualifizierte Fachkräfte dar, die sich oftmals wünschen, einer Beschäftigung nachzugehen. Denn warum sollte jemand, der bis zum Alter von 67 Jahren gearbeitet hat, vom einen auf den anderen Tag nicht mehr arbeitsfähig sein – nur weil sie/er auf dem Papier plötzlich den Status „RenterIn“ hat?

Rentner bislang nicht im Fokus der Arbeitgeber

Jobs für Rentner als LKW-Fahrer

Die Analyse des Stellenmarktes zeigt, dass bislang nur wenige Unternehmen die Chance ergriffen haben, Rentner aktiv anzusprechen: Im ersten Halbjahr 2019 wurden in ganz Deutschland nur 1.412 Stellen ausgeschrieben, die sich im Jobtitel zusätzlich an Rentner richteten. Diese stammen von insgesamt 784 Firmen.

Das ohnehin schon knappe Angebot bezog sich hauptsächlich auf zwei Berufsgruppen: Mit rund 250 Stellen waren am meisten Arbeitsplätze an Mitarbeiter im Transport, Verkehr, Logistik und Lager zu vergeben, z. B. als Kraft- oder Kurierfahrer oder für sonstige Fahrtätigkeiten. Etwa 200 Stellen gingen an die Berufsgruppe Bauwesen/Handwerk, die von Malerarbeiten über Gartenpflege bis hin zu Hausmeistertätigkeiten verschiedene Arbeiten umfassten. Insgesamt war somit fast jede Dritte der veröffentlichten Stellenangebote ein Job, der durch körperliche Arbeit geprägt ist.

Stellenanzeige als Fahrer an Rentner

Recruiting im Wandel

index Recruiting-Report 2017/2018

Der index Recruiting-Report
2017/2018

Auffallend ist, dass für einige Berufsgruppen sehr wenige (z. B. in der IT/Telekommunikation und Unternehmensführung/Management) oder überhaupt keine (im Personalwesen) Stellenangebote veröffentlicht wurden, die ausdrücklich an Senioren gingen.

In der Mitte des Rankings stehen Berufsgruppen wie das Hotel- und Gastgewerbe und der Bereich Gesundheit, Medizin, Soziales, die beide einen hohen Fachkräftebedarf haben. Hier werden vereinzelnd Jobangebote für eine Tätigkeit während der Rente ausgeschrieben, zum Beispiel auf Honorarbasis. Ob pensionierte Ärzte zum Beispiel auch den Ärztenotstand in den ländlichen Regionen mindern könnten? Denkbar wäre es.

Stellenanzeige für Ärzte im Ruhestand

„Rent a Rentner“ – Vermittlung von Senioren als Geschäftsmodell

Der generellen Tendenz des Arbeitsmarktes stehen Unternehmen und Jobbörsen gegenüber, die sich auf die Vermittlung von Rentnern spezialisiert haben. Zum Beispiel können Privatleute und Unternehmen auf der Plattform mit dem unmissverständlichen Namen „Rent a Rentner“ nach Hilfskräften im höheren Alter suchen, die sie bei Tätigkeiten wie „Babysitten, Englisch-Nachhilfe, Gartenarbeit“ unterstützen. Auf der anderen Seite der Plattform stehen Menschen ab 50, die sich auf der Webseite anmelden und ihre Dienste anbieten können. Nach demselben Prinzip funktioniert WisR“ (ausgesprochen: „weiser“), eine „Online Jobplattform für flexible Senior Talents“, wie es auf der Website heißt; ein weiteres Beispiel ist „MASTERhora“, das „Karriereportal für Senior-Experten“.

Die „unsichtbare“ Generation

Woran liegt es, dass Senioren von Firmen kaum als helfende Mitarbeiter in Betracht gezogen werden?

Eine der Hauptursachen findet sich wohl in der Wahrnehmung von außen. Rentner werden sowohl geistig als auch physisch für weniger leistungsfähig gehalten als frisch gebackene Berufseinsteiger zwischen 20 und 30 Jahren. Das hängt auch damit zusammen, dass die Generationen Y und Z in ihrem Berufsalltag seltener mit älteren Mitarbeitern in Kontakt kommt – man denke an die vielen hippen Startups, in denen die Geschäftsführer meist selbst noch keine 30 sind.

Auf solche Vorurteile deutet auch die Tatsache hin, dass in den Stellenanzeigen oftmals die Formulierung „rüstiger Rentner“ gebraucht wird. Im ersten Halbjahr 2019 beinhalteten etwa 17 % der 1.412 Stellenangebote für Pensionäre das Adjektiv „rüstig“. Noch erstaunlicher: Diese Stellenanzeigen stammen von 184 Firmen, sodass nahezu jede vierte Firma in ihrer Anzeige den Hinweis ergänzte, die Rentner sollten doch bitte „rüstig“ sein.

Dabei beweisen Senioren heute, dass sie genauso aktiv sein können wie Personen im jungen oder mittleren Alter (oder zeigen sogar, dass 60 das neue 40 ist): Sport, Reisen und ehrenamtliches Engagement gehören für viele so sehr zu ihrem normalen Ruhestand, dass man sogar von „Unruhestand“ sprechen könnte. Fakt ist, dass wir immer länger leben: Hierzulande hat sich die Lebenserwartung in den letzten hundert Jahren von 43 auf etwa 80 Jahre fast verdoppelt.

White Paper Socia-Media-Recruiting

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Das sind die individuellen Stärken der Generation 60+

Lebenserfahrung ist ein besonders wertvolles und nicht zu unterschätzendes „Benefit“.

Darüber hinaus bringt die ältere Generation viele eigene Stärken mit: Dazu gehört zuerst einmal fachliches Knowhow, das sie sich in den vielen Arbeitsjahren bzw. -jahrzehnten angeeignet hat. Das Fachwissen geht tiefer, gleichzeitig ist es breiter gestreut. Kein Wunder, dass von „Senior Talents“ die Rede ist.

Verschiedene Altersgruppen in UnternehmenZum anderen betrifft es die von Arbeitgebern so gefragten Soft Skills wie kritisches Denken oder Menschenkenntnis, dazu kommt das Wissen über unterschiedliche Unternehmenskulturen und Erfahrung im Umgang mit verschiedenen Altersgruppen. Diese Kenntnisse und Fähigkeiten sind von großem Vorteil und kommen in elementaren Bereichen wie der Ausbildung und Einarbeitung jüngerer Kollegen zugute. Im Zeitalter der Digitalisierung muss noch einmal betont werden, dass gerade diese Skills durch keine Maschine oder künstlichen Algorithmus ersetzt werden können. Lebenserfahrung ist also ein besonders wertvolles und nicht zu unterschätzendes „Benefit“ ist, das der Arbeitnehmer mitbringt.

Und wie sieht’s mit dem Gehalt aus?

Aber warum sollte man als Rentner überhaupt weiterarbeiten? Schließlich hat man meist Jahrzehnte geackert und könnte in seinem wohlverdienten Ruhestand nun die Beine hochlegen. So oder so ähnlich sehen das sicherlich viele, aber längst nicht alle: Der Anfang der Rente kann auch das abrupte Ende einer jahrelangen, sinnstiftenden Aufgabe bedeuten. Ein Wiedereinstieg ins Berufsleben kann einem also nicht nur eine Beschäftigung geben, sondern auch das Gefühl, Teil eines größeren Ganzen zu sein, indem man das Unternehmen und Kollegen weiterhin unterstützt. Dazu kommt die Möglichkeit, soziale Kontakte zu pflegen sowie geistig und körperlich aktiv zu bleiben. Der Spaß an der Arbeit darf natürlich auch nicht vergessen werden.

Geld steht für die meisten Rentner nicht an erster Stelle.

Was viele überraschen mag: Geld steht für die meisten Rentner nicht an erster Stelle, wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) herausgefunden hat. Die angesprochenen sozialen Motive überwiegen und vor allem von ehemals Besserverdienenden wird der Job wohl eher als netter Zuverdienst gesehen, um zum Beispiel auf Reisen zu gehen oder der Familie den ein oder anderen Wunsch zu erfüllen.

Trotzdem darf man nicht vergessen, dass es in Deutschland tatsächlich abertausende Fälle gibt, in denen die Rente auch nach jahrelanger beruflicher Tätigkeit nicht mehr zum Leben ausreicht. Wie zuletzt berichtet wurde, liegt jede zweite Rente unter 900 Euro. Auch in besagter Studie gaben 42 Prozent der Frauen und 29 Prozent der Männer an, das Geld aus der Nebenbeschäftigung zum Leben zu brauchen. Altersarmut ist ein Problem, das sich in den nächsten Jahren aufgrund des demografischen Wandels vermutlich noch weiter verschärfen wird. Gerade deshalb ist es wichtig, dass in der Geschäftsetage und Personalabteilung von Unternehmen ein Umdenken stattfindet, genauso wie bei Arbeitnehmern bzw. potenziellen Kollegen der Teilzeit-Senioren.

White Paper Recruitingfilm

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So viel darf man neben der Rente dazuverdienen

Grundsätzlich kann einem niemand verbieten, auch im Ruhestand zu arbeiten. Wer seine Rentenbezüge jedoch vollständig erhalten möchte, sollte unter 6.300 Euro im Jahr bleiben. Danach wird ein Zwölftel des Betrags, der über diese Grenze hinausgeht, zu 40 Prozent auf die Rente angerechnet. Nach dem Flexi-Rentengesetz kann die Rente allerdings auch komplett wegfallen, wenn der sogenannte Hinzuverdienstdeckel überschritten wird. Dieser wird berechnet, indem die höchsten Entgeltpunkte eines Kalenderjahres aus den letzten 15 Jahren mit der monatlichen Bezugsgröße multipliziert werden. Die Deutsche Rentenversicherung rät Rentner dazu, sich vor Arbeitsbeginn individuell beraten zu lassen.

Warum muss ein Auszubildender 16, 17 Jahre alt sein?

Was für die ältere Generation gilt, lässt sich übrigens ganz genauso auf andere Altersgruppen übertragen: Warum muss ein Auszubildender zum Beispiel zwischen 16 und 18 Jahren alt sein? Sicherlich spielt hier auch die Lebenssituation eine Rolle, da sich gewöhnlich Schulabgänger nach der 10. Klasse auf die Suche nach einem Ausbildungsplatz machen. Generell wird die Gesellschaft jedoch flexibler: Nach jahrelanger Erwerbstätigkeit eine Umschulung zu machen und als Quereinsteiger einen ganz neuen Beruf anzufangen ist ganz und gar nicht mehr unüblich. Während der Rente einem Mini-Job nachzugehen (bald) auch nicht mehr.Jobs für Rentner

Noch einmal auf den Punkt gebracht: Rentner zu sein heißt nicht, als Mitarbeiter nicht mehr in Frage zu kommen. Viele Rentner wollen und einige müssen etwas dazuverdienen, aber nur die wenigsten Unternehmen haben das Potenzial tatsächlich erkannt. Sie als Mitarbeiter zu gewinnen würde das Fachkräfteproblem zwar sicherlich nicht lösen, es aber zumindest punktuell abmildern. Zudem könnten sich Arbeitgeber die Expertise der erfahrenen Mitarbeiter zunutze machen.

Genau das ist übrigens auch die Kernbotschaft des Films mit Robert De Niro: Nach anfänglichen Reibereien mit der jungen Geschäftsführerin erkennt sie schließlich, wie wichtig und wertvoll die Erfahrungen des alten Praktikanten für die Firma sind. Somit ist die fiktive Komödie auch in dieser Hinsicht näher an der Realität als gedacht.

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